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Die Kunst der Unpünktlichkeit

von | 05. Jan 2020

In diesem Artikel erfährst Du was Pünktlichkeit ausmacht, woher sie kommt, warum Menschen notorisch zu spät kommen und was du tun kannst um deine Pünktlichkeit zu verbessern.

Jeder kann mal zu spät kommen, aber immer mindestens fünf Minuten zu spät zu sein – das ist eine Kunst. Eine unbequeme und frustrierende Kunst.

Der Bus soll in 5 Minuten kommen!  Er ist pünktlich, wir fahren zum Bahnhof. Umsteigen. Gerade auf dem Bahnsteig angekommen kommt eine Regionalbahn.  Die hätte eigentlich vor 30 Minuten fahren sollen. Egal, wer weiss, wann die Nächste kommt. Einsteigen, Sitzplatz suchen, es mir bequem machen.

Kurz vorm Hauptbahnhof stoppt die Bahn. “Die Fahrt wird in Kürze fortgesetzt.” hören wir aus den Lautsprechern. Zum Glück habe ich ausreichend Pufferzeit eingeplant. Ich komme trotzdem pünktlich im Eiskaffee an.

Was macht Pünktlichkeit aus?

Der Duden definiert Pünktlichkeit als “Einhaltung eines vereinbarten Zeitpunktes”.

Für mich bedeutet Pünktlichkeit mehr: Zeitlich auf den “Punkt” genau vollumfänglich anwesend, präsent und (geistig) gegenwärtig zu sein. Dies gilt für persönliche Absprachen wie auch für Verkehrsmittel. Bei Verkehrsmitteln ist Pünktlichkeit einfach anhand der Einhaltung des Fahr- oder Flugplans zu messen.

Meine Pünktlichkeit drückt aus, daß mir deine Zeit so wertvoll ist wie meine eigene

Für die Sozialpädagogin Helga Schäferling und für mich ist Pünktlichkeit eine Wert. “Meine Pünktlichkeit drückt aus, daß mir deine Zeit so wertvoll ist wie meine eigene”, lautet einer ihrer Aphorismen. 

Es ist 14:25 Uhr. Wie fast jede Woche warte ich im Eiscafe L’Italiana Gelateria in der ruhigen Ecke auf meine Verabredung. Die nette Bedienung  lächelt mich an und fragt “Wie immer, ein Kännchen Grünen Tee?”. Ich lächle zurück und bestelle noch eine Kugel vom sagenhaften Tartufo Eis mit Sahne.

Innerhalb von 2 Minuten kommt der Tee und das Eis. Viele der anderen Tischen sind belegt, die Geräuschkulisse ist erträglich. Ich genieße das Eis und trinke eine Tasse Tee. Ich schenke die zweite Tasse ein. Das Kännchen ist nun leer, ebenso leer wie der Platz mir gegenüber. Meine Verabredung ist immer noch nicht eingetroffen. 

Pünktlichkeit ist eine Erfindung des Industriellen Zeitalters

Leider gibt es viele Menschen, die zu spät zur Arbeit kommen, verspätet zu Einladungen erscheinen, kurz vor Toresschluss ihre Arbeitsergebnisse abliefern und ständig Züge verpassen. Hierzulande zählt Pünktlichkeit zu den wichtigsten sogenannten bürgerlichen Tugenden und wird mit Höflichkeit und Wertschätzung in Verbindung gebracht.

In der Zeit vor Industrialisierung war Pünktlichkeit weniger wichtig. Verabredungen wurden für “bei Sonnenuntergang” getroffen. Die Handwerker erledigten die anstehenden Aufträge, die Bauern richteten sich nach der Sonne, dem Mond, den Jahreszeiten und dem Wetter, 

Erst mit dem Übergang von Landwirtschaft zu maschineller Produktion mussten sich die Menschen anpassen. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit wurde zur ersten Tugend. Damals wurden die Arbeiter mit Glocken und Sirenen zur Arbeit gerufen. Unpünktlichkeit hatte Konsequenzen, es drohten Aussperrung, Geldbußen und Entlassung.

Mit der Industrialisierung hielt der “Takt der Zeiger” mittels Wecker, Taschen- und Armbanduhren Einzug in den Alltag der Menschen. 

Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige

Auch König Ludwig XVIII (1755-1824) hatte schon eine Sichtweise hinsichtlich Pünktlichkeit, indem er sagte “Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige”.

Gefühlt blicke ich zum hundertsten mal auf die Uhr. Es ist 14:55 Uhr. “Wenn ich mich recht entsinne, waren wir heute um 14:30 Uhr verabredet! Ich zahle jetzt und gehe!”, schreibe ich im Messenger und sende die Nachricht ab, bezahle und verlasse das Eiskaffee.

Fühlte sich echt blöd an! Aber zum Jahreswechsel habe ich beschlossen, dass das akademische Viertel als maximale Wartezeit bei Verabredungen vertretbar ist.

Was bringt Menschen eigentlich dazu notorisch zu spät zu kommen?

Jahrzehntelang haben Forscher versucht die Ursachen für Verspätung zu finden, berichtete Sumathi Reddy für das Wall Street Journal. Die meisten chronisch Zuspätkommer unterschätzen den tatsächlichen Zeitaufwand einer Anreise oder Aufgabe.

Jeff M. Conte stellte fest, dass es “zwei Persönlichkeitstypen von Zuspätkommern mit unterschiedlichen Gefühlen für Zeit” gibt. (Für Typ A – zielorientiert, pünktlich – ist eine Minute gefühlt schon nach 58 Sekunden vorbei. Für Typ B – entspannt, unpünktlich – erst nach 77 Sekunden) und dass “Zuspätkommer eher Multitasker” sind, was durch eine Studie der Universität von Utah bestätigt wurde.

Es gibt allerdings noch mehr Gründe wie Desinteresse, mangelndes Zeitmanagement, schlichter Überheblichkeit und Zerstreuung.

Wartenlassen als eine Art Machtdemonstration

Eine weitere Erklärung liefert Roland Kopp-Wichmann (Psychologe, Führungskräftetrainer und Coach in Heidelberg) im Gespräch mit Süddeutsche.de: “Viele Menschen verstehen Ihre Unpünktlichkeit selbst nicht. In Wirklichkeit handelt es sich um einen inneren Konflikt. Die Person assoziiert mit dem Pünktlichsein etwas Unangenehmes, und zwar einen Autonomie-Verlust.” sagt Kopp-Wichmann.

“Er fühlt sich durch die Terminvereinbarung eingeschränkt, ähnlich wie in der Kindheit, als es hieß: Um zehn bist du zuhause. Pünktlich zu sein, käme in diesem Falle einer Unterwerfung gleich.” ergänzt Kopp-Wichmann.

Unpünktlichkeit ist gelebte Arroganz

“Um es allerdings klar zu sagen: Wiederholte Unpünktlichkeit ist keine Schicksal, sondern unverschämt, eine – more or less – subtile Form der Arroganz. Denn eine Wiederholung lässt sich entweder gewollt vermeiden – oder ist eine Entscheidung.” schreibt Jochen Mai (08-Feb-2015 in “Pünktlichkeit: Unpünktlichkeit ist gelebte Arroganz“).

Heute war es wieder so weit. Das nächste Treffen stand an. “Ob meine Verabredung zur Abwechslung heute mal pünktlich erscheint?” fragte ich mich. “Auf jedem Fall werde ich maximal 15 Minuten warten und dann werde ich gehen!”

Ich treffe um 9:50 Uhr am vereinbarten Treffpunkt ein und suche ein ruhiges Plätzchen. Das Warten beginnt. Als erstes warte ich auf die Bedienung, die sich alle Mühe gibt mich zu ignorieren. Nach geschlagenen 10 Minuten kann ich dann doch endlich eine große Schale Milchkaffee bestellen.

Wette verloren

Und wieder heißt es Warten. Warten auf meine Verabredung und den Milchkaffee. “Bin gespannt wer zuerst eintrifft! Meine Verabredung oder der Milchkaffee?” Innerlich wette ich auf den Milchkaffe. Mist, Wette verloren. Meine Verabredung erscheint heute nur 5 Minuten verspätet. “Geht doch!”, denke ich.

Es ist ihm anzumerken, dass er ein schlechtes Gewissen hat. Auf seine Frage, wie es mir geht, antworte ich wahrheitsgemäß “Schlecht! Ich finde deine ewige Verspätungen bescheuert und ärgere mich darüber!” Nach seiner durch mich abgebrochenen Rechtfertigung, gelobt er Besserung. Bin gespannt.

Meine Empfehlungen um Pünktlichkeit zu verbessern

Hinsichtlich Einhaltung Abgabetermin habe ich gute Erfahrungen mit dem Elefanten-Prinzip und/oder der Salamitaktik gemacht. Mit dem Aufteilen einer Aktivität in sehr detaillierte Schritte ist die Dauer genauer kalkulierbar. 

Wie sicher jedem bekannt ist, definiert die DB Pünktlichkeit anders. Ich treffe gerne so auf dem Bahnsteig ein, dass ich selbst bei Verspätung noch pünktlich am Zielort eintreffe. Sprich ich plane 30 Minuten Zeitpuffer in meinem Planer ein, weil das der Takt ist in dem die Regionalbahn fährt.

Wenn es sich abzeichnet, dass ich unpünktlich zu einem Termin erscheinen werde, informiere ich sofort die Betroffenen fernmündlich oder per Messenger darüber dass ich mich verspäte, um wieviel ich mich voraussichtlich verspäte und warum ich mich verspäte.

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Auf dieser Seite werden Bilder von folgenden Urhebern genutzt: Janine Guldener und Marion Filzek